Geschichte

Sonder – Pädagogik

Gehörlosenschulen, damals noch Taubstummenanstalten oder –institute genannt, waren die ersten Sonderschulen überhaupt. 1827 gegründet, gehört die Gehörlosenschule Bremen zu den ältesten Gehörlosenschulen Deutschlands und zu den ältesten Schulen Bremens. An ihrer Geschichte lässt sich die Entwicklung der Hörgeschädigten- und Sonderpädagogik verfolgen.

Inklusion

Am Anfang standen karitative Intentionen im Vordergrund. Aus Mitleid mit den bedauernswerten Taubstummen gründete David Christian Ortgies die Schule, die von einem winzigen familiären Unternehmen, unterstützt von der Kirche und einer Freimaurerloge, langsam zu einer Institution wurde. Ortgies unterrichtete allerdings auch anderweitig behinderte Kinder – und auch nicht behinderte. Den gemeinsamen Unterricht hielt er für förderlich, sowohl für die behinderten als auch für die nicht behinderten Kinder. Inklusion wurde also bereits vor fast 200 Jahren praktiziert – und von Staats wegen 1834 beendet.

Kooperation Hörender und Hörgeschädigter

Bereits kurz nach Gründung der Schule stellte Ortgies einen taubstummen Lehrer ein: Otto Friedrich Kruse. Kruse kannte sich, im Gegensatz zu Ortgies, sowohl in der damaligen Fachliteratur als auch in der Praxis aus. Er kannte als Betroffener die Mentalität der Taubstummen und beherrschte die Gebärdensprache perfekt. Die Kooperation eines hörenden und eines gehörlosen Lehrers war optimal. Ortgies: „Kruse wird mir unvergesslich bleiben, da ich in seinem vertrauten Umgange das Wesen der Taubstummen, wie ihre Erziehungs- und Unterrichtsweise am besten kennen lernte, und seine brüderliche Liebe an mich und meine Sache ihn mir täglich lieber und werter machte.“ Kruse stellte damals bereits den Gegenpart zum bemitleidenswerten und zu betreuenden Taubstummen dar, den selbstbewussten Fachmann, der als „role model“ auftrat. Von ihm spannt sich der Bogen zum heutigen Kollegium, in dem ein ehemaliger gehörloser Schüler und einzelne schwerhörige Kolleginnen tätig sind. Sie können aus ihrer Betroffenheit heraus den hörenden Kollegen den Zugang zur Welt der Hörgeschädigten erleichtern, ganz im Sinne von Kruse und Ortgies.

Bildung mit Hand und Fuß

Die Entwicklung der Schule verlief durchaus nicht gradlinig. War es für Ortgies und Kruse noch eine Selbstverständlichkeit gewesen, die Gebärdensprache für den Unterricht zu nutzen, so wurde später mit Stolz darauf hingewiesen, dass die „künstliche Gebärdensprache vollständig ausgeschlossen“ wurde. Dem Sprachunterricht, gemeint sind Lautsprache und Artikulation, wurde Vorrang eingeräumt: „Unter Umständen muss jeder andere Unterrichtsgegenstand vor ihm zurücktreten.“ Die Einschränkung der Bildungsmöglichkeiten wurde bedenkenlos in Kauf genommen. Eine Haltung, die heute nicht mehr nachvollziehbar ist, in Zeiten, in denen Hörgeschädigten Abitur und Hochschulstudium ermöglicht werden – mit Dolmetschern, also mit Gebärdensprache.

Vom Hörrohr zum CI

Um die kommunikative Barriere der Hörschädigung zu überwinden, waren zu allen Zeiten alle Mittel recht. Um die „uneigentlichen Taubstummen“ (darunter verstand man hochgradig Schwerhörige, Resthörige und Ertaubte) adäquat unterrichten zu können, wurden „Hörklassen“ eingerichtet, die dann später in eine neu gegründete Schwerhörigenschule ausgegliedert wurden, um dann wieder zu einer Abteilung der Gehörlosenschule zu werden. Technische und medizinische Entwicklungen wurden dankbar aufgenommen, in Form von Hörgeräten, Klassenhöranlagen und CIs (Cochlea Implantaten). So hat die Schule einem ständigen Wandel unterlegen, von der Taubstummenanstalt bis hin zur „Schule mit dem Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation“ - einer Schule, die sowohl innerhalb der eigenen Mauern als auch im mobilen Dienst bemüht ist, allen Hörschädigungen und auch Zusatzbehinderungen gerecht zu werden – ganz in der Tradition ihres Gründers.

Die Taubstummenanstalt zu Bremen, G. Bodensiek 1912
Geschichte der Bremer Gehörgeschädigtenbildung, Klaus Ortgies und Manfred Büscher 1977